Interview mit Eberhard Sandschneider zu den Risiken für Taiwan

Eberhard Sandschneider zählt zu den profiliertesten China-Experten Deutschlands. In einem Interview mit China Table sprach er über einen möglichen Angriff Chinas auf Taiwan, über die Ziele der Volksbefreiungsarmee sowie über Gefahren im Verhältnis zwischen den USA und China. Eine baldige Invasion der Insel befürchtet Sandschneider zwar nicht: Das Risiko sei zu hoch, sich mit den USA anzulegen, erklärte er. Doch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten könnte es durchaus zu einem amerikanisch-chinesischen Krieg kommen. Da die Volksbefreiungsarmee zudem intern und extern immer stärker wird, kann dann doch noch eine Katastrophe drohen.

Herr Sandschneider, der Krieg in der Ukraine ist noch nicht zu Ende, da sieht so mancher Experte schon den nächsten Kampf bevorstehen: China wird die Ablenkung des Westens mit Russland nutzen und Taiwan endlich zurück ins Mutterland holen. Teilen Sie diese Befürchtung?

Nein, so verlockend dieser Vergleich und die Parallelen für manchen sein mag, die Ausgangslage in Asien ist doch eine völlig andere. Taiwan verfügt über die am besten ausgerüstete und die am besten ausgebildete Armee im West-Pazifik. China würde sich eine sehr blutige Nase holen. Hinzu kommt der Taiwan Relations Act, durch den die USA eng mit Taiwan verbunden sind. Es gibt ein Beistandsversprechen. Chinas Präsident Xi Jinping ist sich dieses Risikos bewusst. Insofern sind die aktuellen Spekulationen über einen möglichen Angriff Chinas auf Taiwan wirklich fehl am Platz. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Nicht vorstellen? Gleiches hätte man vor einigen Wochen wohl auch über einen möglichen Angriff Russlands auf die Ukraine gesagt. Die Realität ist eine andere.

Ja, es stimmt, man soll niemals nie sagen. Und man muss tatsächlich mit solchen Aussagen vorsichtig umgehen, aber so wie ich die Lage einschätze, mache ich mir um die Sicherheit Taiwans derzeit keine allzu großen Sorgen.

In Bezug auf Putin heißt es nun: Hätten wir ihm mal genau zugehört, dann wären wir jetzt nicht so überrascht. Er hat doch deutlich gesagt, was er von der Ukraine hält. Und auch Xi Jinping lässt keinen Zweifel an seinen Absichten aufkommen: Taiwan gehört zu China und muss zurück zum Mutterland.

Absolut richtig. Deshalb spreche ich auch nur vom Jetzt. Wer sich die chinesischen Pläne anschaut, weiß, dass sich die kritische Phase für Taiwan bis ins Jahr 2049 erstreckt. Und dass Xi Jinping die Ambitionen hat, ähnlich Großes zu erreichen wie Mao oder Deng Xiaoping steht außer Frage.

Also doch ein Risiko?

Das Risiko ist da. Deshalb müssen wir tun, was wir im Falle der Ukraine versäumt haben: Unmissverständlich klarmachen, dass der Westen entschlossen und geschlossen reagieren würde. US-Präsident Joe Biden hat in diesem Zusammenhang zu Recht die strategische Ambivalenz seiner Vorgänger abgeräumt und klargestellt, dass man im Falle eines chinesischen Angriffs Taiwan militärisch zur Seite stehen würde.

Lassen wir mal kurz die politische Komponente beiseite und schauen auf das Militär: Wie sähe es da mit einem Angriff auf Taiwan aus?

Es gibt unzählige Simulationen, die zeigen, wie ein chinesischer Angriff auf Taiwan aussehen könnte. Alles liegt auf dem Tisch bis ins kleinste Detail, von einer Internetblockade bis hin zu einer Seeblockade. Und in all diesen Szenarien wäre China derzeit der Verlierer.

Tatsächlich? In welcher Verfassung befindet sich denn das chinesische Militär?

Es holt dramatisch schnell auf. Wir alle waren dieses Jahr doch überrascht, dass der Militäretat nur moderat ansteigt. In den Jahren davor ist das Budget mal um 11 Prozent, mal um 17 Prozent gewachsen. Wenn man das in US-Dollar übersetzt, sind das offiziell rund 230 Milliarden Dollar – pro Jahr.

Klingt viel. Ist im Vergleich zu den USA mit seinen Militärausgaben von rund 770 Milliarden US-Dollar aber doch deutlich weniger.

Stimmt. Aber die Entwicklung ist eindeutig und schnell. Zu Beginn des Reformprozesses wurde das Militär hinten angestellt, allerdings verbunden mit dem Versprechen: Wenn die wirtschaftliche Leistung es hergibt, bekommt ihr Geld und Aufmerksamkeit. Das ist jetzt der Fall, wie beispielsweise die Liaoning zeigt. Chinas erster Flugzeugträger aus ursprünglich russischen Beständen, der zweite stammt aus Chinas Eigenproduktion. Sechs weitere sollen gebaut werden.

Dennoch gilt vielen die Volksbefreiungsarmee aber als schwach und in ihrer Struktur veraltet. Wo liegen die Probleme?

Die Volksbefreiungsarmee hat einen riesigen Wasserkopf, nämlich das überdimensionierte Landheer, welches zudem technisch nicht einmal sonderlich gut ausgestattet ist. Aber täuschen Sie sich nicht. Die Zeit für Chinas Militär ist gekommen. Der Umbau läuft, die Schwerpunkte liegen mittlerweile auf Marine, Luftwaffe, Weltraumrüstung und Cyberwar. Also auf Bereichen, in denen sie relativ schnell den amerikanischen Streitkräften großen Schaden zufügen können.

Das ist das große Ziel?

Ja. China misst sich nur mit einem Land, den USA. Aktuell hat China eine Militärbasis im Ausland, in Djibouti. Die Angaben zu den US-Stützpunkten variieren, je nachdem, welche Maßstäbe man an eine Militäreinrichtung anlegt. Zurückhaltend gezählt sind es 163 Basen, auf der gesamten Welt verteilt. Das muss für China wie eine Einkreisung wirken. Und deshalb wird China neue Militärstützpunkte im Ausland aufbauen.

Was glauben Sie, wo das sein wird?

Es gibt eine ganze Reihe an ausgebauten Tiefseehäfen, die sich anbieten, zum Beispiel in Hambantota auf Sri Lanka. Der chinesische Bau des dortigen Tiefseehafens ist doch aberwitzig. Bevor China kam, landeten dort vielleicht mal fünf Schiffe im Jahr an. Aber der Hafen liegt geostrategisch ideal für chinesische Kriegsschiffe. Oh, ich sehe schon. Jetzt werden Sie das gleich wieder kritisieren.

Okay, dann mache ich das. Eine Militarisierung der Seewege kann nicht im Interesse des internationalen Freihandels sein.

Richtig, aber hier geht es um Chinas Interessen. Betrachten Sie es mal welthistorisch: Ein Land von dieser Größe, mit diesem wirtschaftlichen Erfolg über viele Jahre hinweg, das übersetzt irgendwann zwangsläufig wirtschaftliche Stärke in militärische Macht. Das Versprechen, das Deng Xiaoping einst den chinesischen Generälen gegeben hat, wird nun umgesetzt.

Das wird zwangsläufig zu Reibereien mit der Weltmacht USA führen.

Das wird nicht dazu führen, das ist schon jetzt der Fall. Was derzeit im Südchinesischen Meer passiert, ist nur ein harmloses Vorgeplänkel. Die Konflikte werden zunehmen, so wie China sein gesteigertes Selbstbewusstsein immer mehr nach außen tragen wird.

So mancher fürchtet, dass auch einem Zwischenfall im Südchinesischen Meer unversehens mal ein Krieg zwischen den USA und China entstehen kann.

Aktuell wäre es nicht ratsam für China, einen Konflikt mit den USA einzugehen. Das werden sie auch nicht tun. Aber Sie haben recht. Ben Hodges, der ehemalige Oberkommandierende der US-Streitkräfte, wird nicht müde, darauf hinzuweisen, er rechne in den nächsten zehn Jahren mit einem Krieg zwischen China und den USA. Das wäre dann der Dritte Weltkrieg.

Sie sind da entspannter?

Na ja. Aus meiner Sicht gibt es vor allem zwei Gefahren: das Zufallsrisiko und das Risiko einer falschen Perzeption, wenn man die andere Seite falsch einschätzt und dann Fehler macht. So wie es aktuell mit Putin der Fall ist. Aber ich bleibe dabei: Derzeit schätzt Xi Jinping das Risiko richtig ein. Nur ob das in zehn Jahren noch so ist, weiß ich nicht.

Das Problem hierbei: Bei einem möglichen Konflikt gibt es zwei Seiten.

Ja, und genau das bereitet mir dann doch ein paar Sorgen. Die China-Debatte in den USA hat enorm an Schärfe gewonnen. Es gibt kaum einen Politiker, der China nicht als die größte Herausforderung der Zeit ansieht. Und im Unterschied zu Deutschland und Europa beinhaltet das auch immer die militärische Komponente. Ich war bei einer Diskussionsrunde im Dirkson Senate Building in Washington D.C., da sagte eine US-Kollegin: War is not the worst option – Krieg ist nicht die schlechteste Option. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Mir hat es total die Sprache verschlagen. Aber um mich herum hat keiner auch nur gezuckt.